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Sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit

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25.07.17, 16:00, 20. 05.13 / 20.23.07.11 / 14.12.08 / 08.01.08 / 25.01.07 / 18.01.06 / 21.10 + 25.09.05 /
28.07.05 / 11.12 +30.11.04 / 24.10.04 / 09.07.04 / 06.03.04 / 12.11.03 / 23.+16.09.03 / 30.07.03 /
 19.+18.01.03 / 10.01.02 / 19.06.01

 

Unbestimmtheit aller sozialwissenschaftlichen Theorien

spain

Dies hat Konsequenzen für liberale Werte- und Prozesspolitik

Sozial-Klempner, soziale Bastelei, sozialfriemeln, Sozialingenieure sind gängige Wörter, die im Zuge der proliberalen, d.h., antisozialistischen Polemik erfunden wurden. Der ernste Hintergrund: Noch so gut gemeinte Ideen und Maßnahmen zum  Bekämpfen, Überwinden oder Abstellen von Umständen, die als unerwünscht gefunden bzw. definiert sind, haben letzten Endes das Ziel nicht erreicht. Hierzu zählen insbesondere die Versuche, Menschenbilder so zu entwerfen (gestalten), dass eine zuvor gefundene oder formulierte Theorie dazu passt. Die Komplexität von Gesellschaft und Mensch ist nur untergeordnet der Grund dafür, dass Sozialwissenschaften etwa das Prädikat “exakte Wissenschaften” nicht zugeordnet wird. Die viel tiefere Ursache für diesen Umstand wird im folgenden beschrieben:


Definition für “sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit”::


Die Gesellschaft (G) kann die Gesellschaft (G)
nicht erkennen, nicht verstehen.

Die (umfassende) Selbsterkenntnis
des Menschen ist nicht möglich.
.


Der gedankliche und begriffliche Pate der Idee ist das Prinzip der quantenmechanischen Unbestimmtheitsrelation, meist bekannt als die Heisenbergschen Unschärferelation (1927). Von weiteren, möglicherweise noch unentdeckten Analogien zwischen dem Prinzip der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit und der quantenmechanischen Unbestimmtheit abgesehen, sind hier die beiden folgenden von Bedeutung:

  1. Beobachtung und (gedankliches) Experiment, beeinflussen und verändern genau dadurch das Objekt (Gesellschaft).
  2. Dies bedingt prinzipiell die begrenzte Aussageschärfe jeglicher Gesellschaftswissenschaft und -lehre. (1)

Wird nämlich eine Theorie (A) der Gesellschaft (G) „gefunden“, veröffentlicht und damit von der Gesellschaft gelernt (Beobachtung, Experiment, s.o.), ist die Theorie (A) im Sinne ihrer Anwendbarkeit zwecks Prognose in keinem Fall länger gültig; die Theorie (A) wird durch Lernen ungültig - wobei (A) als Wissen selbstverständlich erhalten bleibt.

 

Bemerkungen zur Vorgehensweise

“Anders” ist eine Gesellschaft schon dann (geworden), bzw. eine neue/andere Gesellschaft ist schon dann entstanden, wenn das erste Bit zusätzlichen Wissens hinzugefügt ist. Hier relevant, gemeint und behandelt sind Fälle von Wissenszuwachs, die signifikante Veränderungen des Verhaltens der Individuen hervorrufen. Selbstverständlich - hier nicht weiter vertieft - verändert sich das Verhalten vieler Personen schon dann, wenn nur Erfahrungswissen anfällt.

Mit der “sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit” wird implizit Kritik geübt. Insbesondere an Aussagen zu “erkannten Gesetzmäßigkeiten” über soziale Prozesse, d.h. Prozesse an denen in irgendeiner Weise Individuen beteiligt sind. Hier nicht von Bedeutung ist sog. Definitionswissen, aus dem kausal nichts folgt. Etwa: “Der Mensch mag seine Gewohnheiten”. Der Aussagende will, kann und darf ungenau formulieren. Problematisch vor dem Hintergrund der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit ist jedoch die Fortsetzung der Aussage in der Form “und deswegen ... “

Es kommen 10 Sätze mit denen das Prinzip, die sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit, gegründet, beschrieben und “bewiesen” wird. Nach der kursorischen Bestandsaufnahme in Satz 1, die sozusagen als Grundgesetz verstanden werden soll, sind zunächst vier Sätze in abnehmender Abstraktion formuliert. Es wird dadurch das Prinzip Schritt für Schritt verständlicher.

Aus allen 5 Sätzen abgeleitet, werden in Abschnitt (B) drei weitergehende, zwingende “Theoreme” mit teilweise überraschenden Aussagen formuliert.

Mit der  Darstellung in Abschnitt (C) zweier von möglicherweise sehr vielen Werte-Postulaten, die sich aus dem Prinzip ergeben, ist der Erklärungsteil abgeschlossen.

Das Problem der Wahrnehmbarkeit könnte vorab gelesen werden. Die wahre Bedeutung der relativ schlichten Aussagen ergibt sich aber erst auf der Basis des Verständnisses der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit. Wie arm wäre unsere Welt mit Einheitsmenschen. In Wahrnehmbarkeit ist also der Treibsatz für die Dynamik des “gesellschaftlichen Prozesses” zu dem etwa auch die leider existente intrasozietäre Gewalt, ihre Akteure und ihre Profiteure gehören.

Die Exkurse und Wenige Worte verbinden, teilweise nur kursorisch ausgeführt, die Theorie mit realem Geschehen.

 

(A) Beweise / Begründung

Satz 1, philosophische Prämissen:

Die gedankliche Kette zum Prinzip der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit beginnt mit dem “ich weiß, dass ich nichts weiß” (Sokrates) über die Forderung, Beweise wissenschaftlicher Theorien durch den Versuch der Falsifikation (Popper) zu führen, den Antikonstruktivismus (von Hajek) bis zum “Schiffbruch der Systemtheorie”. Letzteres weil der Umstand, dass “Systemkenntnis als (zwingender) Teil des Systems ‘logisch intraktabel’ ist” (Vgl. Niklas Luhmann, “Gesellschaft der Gesellschaft”, Ffm 1997, Bd.1, S.15 im Vorwort) (2)

Satz 2, die mengentheoretische Logik:

Lernt die Gesellschaft (G1) ihre (i.S. von “eine”) Theorie (A1), verändert sich das Bewusstsein der Gesellschaft (G1). Die Gesellschaft (G1) existiert nicht mehr, sie hat sich in die Gesellschaft (G2) verwandelt. In mengentheoretischer Notation ausgedrückt

G2 = G1 + A1

Beweisskizze: Wenn A1 (neues Wissen) mehr als die Leermenge ist und in G1 (folglich) nicht (explizit) enthalten ist (war), dann gilt G2 > G1 (d.h., G2 mehr als G1). Also kann A1 für G2 nicht gültig sein. Das pragmatischere “nicht hinreichend gültig” ist, weniger streng, als “nicht gültig” und deswegen zu verwerfen. Es macht keinen Sinn, den “Schiffbruch der Systemtheorie” durch sprachliche Verunklarung zu beseitigen.

Satz 3, statische Betrachtung: Da das in den Menschen gespeicherte Wissen selbstverständlich zum konstitutiver Bestandteil der Gesellschaft gehört, verändert ebenfalls selbstverständlich neues Wissen über die Gesellschaft, der gleichen Gesellschaft also hinzugefügt, d.h., gelernt, diese Gesellschaft - mal mehr, mal weniger. Dieses neu gewonnene Wissen ist damit Wissen über eine frühere, andere, nicht mehr existente Gesellschaft.

Beweisskizze: Die Gleichung “G2=(G1+A1)” sagt es aus. Wenn A1 in G2 aber nicht in G1 enthalten ist, ist G2 nicht die gleiche Gesellschaft wie G1; ihre Differenz ist mindestens A1. (Ggf. zuzüglich der Folgen aus der Kenntnis von A1 plus durch Zeitablauf angefallenes Erfahrungswissen).

Satz 4, dynamische Betrachtung:

Wissen diffundiert in der Gesellschaft (G); lernt Gesellschaft (G) “ihre” Theorie (A), werden die Individuen (Gi), wie in jedem anderen Fall von Lernen, hier bedingt durch das neue Wissen, sich entsprechend anders verhalten.

Die Individuen reagieren beispielsweise erwartungs- bzw. prognose-bedingt potenzielle Probleme abwehrend und potenzielle Vorteile anstrebend. Es akzeptieren die Individuen (Gi) etwa die mit Hilfe der Theorie (A) prognostizierten unerwünschten (künftigen!) Zustände nicht. Betroffene oder interessierte Individuen (Gi) entwickeln Anti-Theorie-(A)- Strategien/ Verhaltensweisen mit der Konsequenz, dass die Theorie (A) über die G1 hinfällig wird (3).

Beweisskizze: Die Menge der theoretisch erwarteten, Theorie-(A1)-bedingten Prozessergebnisse kann nicht eintreten; denn nach Satz 2 und Satz 3 wird die Theorie (A1) ungültig geworden sein; es wird an Ihre Stelle (bis auf weiteres unerkannt) die Theorie (A2) getreten sein; (A2-A1) ist im Grenzfall eine Leermenge. (Nicht immer, sogar eher selten “entsteht” zusätzliches/neues Prinzip-Wissen. Die Gesellschaft (A1) verändert sich überwiegend “nur” deswegen, weil Individuen Altwissen lernen und durch die Akkumulation von Erfahrungswissen.)

Satz 5, das übergeordnete philosophische Prinzip:

Möglicherweise ist bezogen auf die Menschheit und ihre Individuen, schon früher formuliert worden:

Das Sein entrückt der Erkenntnis

Beweisskizze: Beachten von Satz 4 in Verbindung mit Lernen und der Definition von Gesellschaft

 

(B) Weitergehende Theoreme

Die vorstehenden 5 Sätze lassen sich in lockerer Sprache, mehr als lediglich eine Umformulierung, weiter verallgemeinern. Die folgenden Aussagen sind zum Tei lallerdings überraschend.

Satz 6, Wissensexpansion:

Aus Satz 2 und Satz 4 folgt, dass gemäß Satz 5 (auch) die Gesellschaft (G) dem erschlossenen Wissensraum stets entrückt (“entrückt” nicht als Handlung verstehen).

Beweisskizze: Wir, die Gesamtheit der (einzelnen) Individuen, werden den Wissensraum jedoch nie vollständig erschließen können; auch gemeinschaftlich, als Gesellschaft (G) können wir den Wissensraum nie erschließen. Real und praktisch ist der Wissensraum nämlich prinzipiell und logisch unbegrenzt: Aussagen ergeben zeitversetzt Aussagen; diese ihrerseits Aussagen ...

Dies alles gilt unabhängig davon, dass nach heutiger Wahrnehmung außerdem die Grenzen zum Mikro- und Makrokosmos offen sind und daher (fast sicher) auch gedanklich nie überwunden werden können; möglicherweise aber ist genau Letzteres der Grund dafür, dass weitergehend der potenzielle Wissensraum nicht erschlossen werden kann. Wissen wird - von Vernichtung/Verlust der Dokumente, Zeugnissen oder Personen abgesehen - immer zunehmen. Dieser Satz 6 gilt also ad aeternum - die sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit aber auch.

Satz 7, Die Kraft der Beschränktheit:

Da alle (lernenden) Individuen G(i) stets Mitglied der insofern “offenen” Gesellschaft (G) sein sollen, gibt es keine nachhaltig gültige Theorie (A) über die Gesellschaft (G).

Beweisskizze: Es gibt lediglich Theorien über geschlossene Gesellschaften, also solchen denen nicht alle Menschen angehören, weil einige sich abgesondert haben bzw. abgesondert wurden und oft Transparenz vermeiden bzw. vermeiden müssen. Wichtige Beispiele sind die Praxis der Unnahbarkeit insbesondere von absolut Herrschenden Individuen, Familien, Hofstaat, Cliquen oder das (legitimierte) Direktorium einer Zentralbank.

Satz 8, das Perplexitätsprinzip:

Richtigkeit/Beständigkeit setzt - (zumindest) für die Klasse der sozialen Prozesse - Unwissen voraus. Präzisiert: Es gibt sozialwissenschaftlich potenzielle Befunde, deren Richtigkeit nur dann gegeben ist, wenn diese potenziellen Befunde nicht bekannt sind.

Beweisskizze: Eine richtige Theorie (A) zur Gesellschaft (G) kann nur dann bestehen, wenn G keine Kenntnis von A erhält. Das System G darf also durch die Information A nicht beeinflusst, damit nicht verändert (worden) sein.

Sonderfall: ggf. temporäres Herrschaftswissen. Herrscher sind in dieser Rolle kein Teil der offenen Gesellschaft. Beispiel Zentralbank: Bezüglich des Wissens künftiger Zinspolitik ist das (legitime) Gremium kein Teil der offenen Gesellschaft. Im Gegenteil, diesbezüglich ist (muss sein) das Gremien selbst eine geschlossene Gesellschaft, die folglich in dieser Rolle (logischerweise) kein Teil einer offenen Gesellschaft sein kann.

 

(C) Wertepostulate

Satz 9, Ethik der Beschränkung und der Unwissenheit:

Beweisskizze: Warum gar krampfhaft nach den Grenzen streben? Der (Gesamt-) Wissensraum bleibt so wie so für immer unerschlossen. Schon deshalb ist die offene Gesellschaft von sehr gut begründeten Ausnahmeerscheinungen abgesehen, ethisch vernünftig.

Satz 10, eine unmittelbar “politische wirksame” Verallgemeinerung:

Sozialismus ist der (nachvollziehbar verständliche) Versuch, Ungewissheit und Unwissenheit - damals war das Prinzip der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit nicht formuliert - durch Postulate, Axiome oder Regeln (z.B. historischer Materialismus) zu umgehen bzw zu überwinden.

Beweisskizze: Während Hegel Ungewissheit und Unwissenheit durch Prinzipien-Erkenntnis zu überwinden sucht, provoziert Karl Marx im Lichte der gesellschaftlichen Realität seiner Zeit den Purzelbaum der Aufklärung - die fällt dabei auf das Genick. Denn die spätere (prosozialistische) Wirkung der marxistischen Postulate und auch Dogmen war die Beschränkung gedanklicher Freiheitsgrade, d.h., eine Grenzsetzung, die sogar in den potenziellen Wissensraum hineinwirkte. Karl Marx hat also vollendeten Totalitarismus im Postulat (Dogma?) von der Diktatur des Proletariats (vielleicht nur instinktgesteuert) angelegt.

 

(D) Wenige Worte zu Realitäten noch junger Geschichte

Mit diesen Ausführungen ist es nicht getan. Diese Darlegungen erfolgten nicht ihrer selbst wegen, sondern weil es zwingende Konsequenzen auf reale Erscheinungen (von Hajek: “Bildungen”) etwa Herrschaft und Gesellschaftsvertrag gibt. Die mathematische Denkweise bietet Sprachwerkzeuge, um Analyse und Beschreibung sozialer Phänomene / Prozesse kürzer und verständlicher darzustellen.

Die provozierende Frage lautet: Kann (beispielsweise) die Praxis der Sozialpolitik in Richtung der Überwindung von Problemlagen d.h., zu problemlosen, stabilen Verhältnissen konvergieren? Nein. Das hier entwickelte Prinzip der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit spricht dagegen. Zwar löst Sozialpolitik akute aber eben nicht chronische Problemlagen, denn in jeder noch so reichen Gesellschaft gibt es unvermeidbar immer und aufs Neue die ärmsten Einzelnen. Sie selber oder spezialisierte Aktivisten werden den Claim nach sozialer Gerechtigkeit vorlegen und zumindest abgeschwächt durchsetzen. Wie die letzten Jahrzehnte zeigen, wird ggf. der Katalog der Menschenrechte erweitert oder neu interpretiert. Niemand kann gehindert werden, beliebig intelligent die Klaviatur der Prozesspolitik, Königsdisziplin des Geschäftes zu bespielen. Jeder Aktivist proprietärer Interessen ist hierbei gut beraten, die Ausführungen in Exkurs 1 im Auge zu behalten.

Gelegentlich sind diese Ausführungen zu ergänzen durch die Überlegungen von Humberto Maturana, der zwar Soziologen beeinflusste ansonsten aber die erkenntnistheoretisch folgenlose Feststellung machte, dass der Mensch ein autopoietisches System ist. Niklas Luhmann erkannte auf dieser Basis den selbstreferenziellen Charakter der (menschlichen) Gesellschaft. Resultat: “Schiffbruch der Systemtheorie” und blieb, wohl gedanklich verführt, “nur Millimeter” vor der Formulierung der “sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit stehen. So notierte Luhmann am Ende des Vorworts zu “Gesellschaft der Gesellschaft”: “Wenn die Kommunikation einer Gesellschaftstheorie als Kommunikation gelingt, verändert sie die Beschreibung ihres Gegenstandes und damit den diese Beschreibung aufnehmenden Gegenstand.” Siehe Satz 2 und Satz 3. Es fehlt nur die kurze Aussage: ”Die jeweils bisherige Theorie wird dadurch/deswegen ungültig”.

Die Unbestimmbarkeit der real-aktuellen, insbesondere der jeweils neuen kausalen Wirkzusammenhänge ist die Konstante des sozialen und sozialwissenschaftlichen Geschehens; es gibt Gründe, die “das Problem” weitergehend als wegen der sozialwissenschaftlichen Unbestimmtheit noch verschärfen. Zum Abrunden weitergehede Ausführungen und alle Abschnitte von Theorie lesen

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Fußnoten als Exkurse

(1) Verfallsdatum geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse: Viele bisherigen sozialwissenschaftlichen Ergebnisse können im Museum aufbewahrt werden, sollten aber niemals in die “Tonne gekloppt werden”. Der Nutzen der Sozialwissenschaften besteht, pauschal betrachtet. Es gibt nämlich eine Tendenz den Sozialwissenschaften die Wissenschaftlichkeit abzuerkennen; dem wird hier also ausdrücklich nicht gefolgt.

Die Sinnhaftigkeit, den Wissensraum für “Gesellschaftstheorie” im Hinblick darauf, Gesellschaft als Ganzes (besser) zu verstehen, immer weiter auszudehnen, ist allenfalls für “Herrscher” (etwa der Rat einer Zentralbank) gegeben. Dennoch ist es vielfach “hilfreich” (nützlich), Teilaspekte gesellschaftlichen Seins mit einer beliebig viel oder wenig umfassend definierten Gesellschaftslehre zu “erklären”. In beiden Fällen gilt die sozialwissenschaftliche Unbestimmtheit jedoch unerbittlich: Die Gültigkeit und der reale Nutzen solcher Erklärungsmodelle ist zeitlich begrenzt (Satz 3 und Satz 4).

Fazit: “Exzessive Sozialwissenschaft” sollte überwunden werden.

(2) Expansion zu Sokrates: “Ich weiß, dass ich nichts weiß”, soll Sokrates gesagt haben. Die Aussage greift zu kurz, denn weitergehend gilt auch:

Ich weiß nicht, “was” ich weiß. Streng: Ich weiß noch nicht einmal, “was” ich weiß.

Selbstverständlich kann der Einzelne Mitteilung von seinem Wissen machen. Nur: Wie viel vom Ganzen lässt sich denken/mitteilen/kommunizieren? Diese Aussagen zu akzeptieren, ist Teil intellektueller Demut und damit Voraussetzung, zumindest Hilfe zu Toleranz.

(3) Vermutung über den Ursprung von Dogmen: Das in Satz 4 dargelegte Jahrtausende alte Erfahrungswissen ist wohl der tiefere Grund dafür, dass politische Regime (d.h., Herrschafts-, positiv Führungssysteme) zwecks Legitimation so häufig auf Dogmen (nicht überprüfbare Aussagen) zurückgegriffen haben. Und übrigens deswegen hochgradig totalitär agierten.
 

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