D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Deutschlandfunk
Interview, 18.6.2004 Gottesbezug
in einer künftigen EU-Verfassung
Interview
mit Reinhard Marx,
Bischof von Trier Christine Heuer: Was hat Gott mit der
europäischen Union zu tun? Viel sagen die einen, denn das christliche
Abendland wurzele nun einmal im christlichen Glauben. Die anderen sehen
keinen unmittelbaren Bezug zwischen dem Christentum und der Verfassung der Union.
Folgerichtig sind sie auch gegen einen Gottesbezug in der europäischen
Verfassung. Jetzt wird eine Lösung gesucht, vielleicht ein Kompromiss. Auch
dies ist ein Thema beim EU-Gipfel in Brüssel und bei uns heute früh. Beim
Katholikentag in Ulm sind wir verbunden mit dem Trierer Bischof Reinhard Marx. Guten Morgen Bischof Marx. Marx:
Guten Morgen. Heuer:
Wieso muss das Wort Gott in der Präambel der europäischen Verfassung
vorkommen? Marx:
Ja, wenn man eine Präambel für eine Verfassung schreibt, dann sollte man sich
gut überlegen, auf welchen Grundlagen denn das Gemeinwesen ruhen soll. Und da
ist eine Erinnerung an das christliche Erbe und nicht nur eine Erinnerung,
sondern auch ein Satz, der deutlich macht, dass dieses christliche Erbe auch
weiterhin Europa prägt, glaube ich, sehr, sehr wichtig. Wenn wir uns auf Gott
beziehen, beziehen wir uns ja auf eine Grenze auch des Menschen, dass der
Mensch nicht nur einfach die Welt gestalten kann, wie er will, sondern dass
es auch Grenzen gibt und dass die Menschenwürde nicht nur einfach wurzelt im
Willen des Menschen, sondern dass die Menschenwürde auch wurzelt, vor allen
Dingen wurzelt dadurch, dass er geschaffen ist von Gott. Das glaube ich, das
ist nicht nur eine Sache, die das Christentum betrifft, sondern das betrifft
auch Menschen, die vielleicht jetzt gar nicht so eng christlich gebunden
sind. Die Erinnerung daran und der Bezug darauf können für alle eine wichtige
Funktion ausüben. Heuer:
Wenn diese Funktion auch wichtig ist für Menschen, die, wie Sie sagen, nicht
eng christlich gebunden sind, wieso reicht es dann nicht aus, was die irische
Präsidentschaft vorschlägt, nämlich die folgende Kompromissformel zu wählen,
dass es ein kulturelles religiöses und humanistische Erbe gibt als Quelle der
Inspiration für Europa? Marx:
Ja, man kann über die Formulierung streiten. Ich denke, wir als Kirche haben
- und das gilt nicht nur für die katholische Kirche, die evangelische Kirche
sieht das ja genauso -, wir haben auch zunächst einmal vor allen Dingen
deutlich gemacht, es soll dieses christliche Erbe deutlich werden, wenn ein
Gottesbezug hineinkommt, wäre das noch deutlicher, noch klarer. Aber das, was
jetzt vorgeschlagen wird, im Grunde genommen doch mehr oder weniger das Erbe
des Christentums überhaupt nicht zu nennen, das wäre zu wenig. Insofern sind
alle Vorschläge, die jetzt dazu führen, doch noch eine Formulierung zu
bringen, wo wir sagen, in Europa haben wir auch diesen christlichen Bezug
unter vielen anderen Bezügen auch, aber der christliche Bezug ist schon ein
wesentlicher, da wird man auf Kompromisse aus sein jetzt. Da muss man jetzt
nicht sagen, nur eine Formulierung sei die absolut einzige, die möglich ist. Heuer:
Ist denn möglich aus Ihrer Sicht, Bischof Marx, eine Formulierung wie in Verantwortung vor der Schöpfung
und den Menschen? Marx:
Das geht, glaube ich, nicht, denn die Schöpfung ist ja ein Begriff, die setzt
den Schöpfer voraus, da muss man den Schöpfer auch nennen. Die Schöpfung ist
ja nicht in sich etwas, sondern sie setzt voraus, dass es einen Schöpfer
gibt. Sonst ist das Wort Schöpfung, glaube ich, sinnlos. Also insofern ist es
viel konsequenter zu sagen: vor dem Schöpfer. Das ist doch ganz klar. Aber
wie gesagt, wir haben in Deutschland ja gute Erfahrungen gemacht auch mit
dieser Präambel. Denn sie hilft dann auch in der Begründung der Gesetze, sich
zu berufen auf eine Grenze der menschlichen Möglichkeiten. Aber wie die
Formulierung aussieht, da wird man mal abwarten müssen. Mir wäre schon
wichtig, dass man nicht einfach schamhaft dieses Thema ganz beiseite schiebt.
Und da bin ich eigentlich ganz froh, dass diese Debatte überhaupt da ist. Wir
hätten vor zehn Jahren vielleicht gar nicht gedacht, dass wir uns über diese
Frage, eines solchen Gottesbezugs des christlichen Erbes in Europa auch noch
wirklich so streiten würden. Also das finde ich erst mal positiv. Heuer:
Bischof Marx, können Sie mal
an einem Beispiel erläutern, was ein Gottesbezug in der Präambel der
europäischen Verfassung in der Praxis dann wirklich bewirken würde? Marx:
Ja gut, die Präambel ist ja immer die Frage, was bewirkt sie in der Praxis.
Das gilt für jeden Satz der Präambel. Heuer:
Ja, Sie haben ja gerade Deutschland erwähnt als Vorbild. Marx:
Ja, aber wir haben natürlich dann in der Diskussion über die Frage der Bioethik
etwa auch immer wieder deutlich gemacht, was ist eigentlich das, was die
Würde des Menschen ausmacht. Ist die Würde des Menschen abhängig von der
Zustimmung der anderen oder ruht die Würde des Menschen tatsächlich darin,
dass er von Gott geschaffen ist. Dass diese Diskussion dann geführt wird, ob
es jemand glaubt oder nicht, das hat schon eine Bedeutung. Das meine ich
schon. Heuer:
Der Beitritt der Türkei wäre dann aber keine Option mehr für die Europäischen
Union, oder? Marx:
Nein, das kann man nicht sagen. Wir können ja auch nicht in Deutschland
sagen, weil wir den Gottesbezug in dieser Form haben, weil wir sagen in
Verantwortung vor Gott und den Menschen, deswegen könnten wir keine
muslimischen Mitbürger haben. Das ist eine Konsequenz, die kann man, glaube
ich, nicht ziehen. Heuer:
Viele, Bischof Marx, haben das
Gefühl, dass sich die Kirchen, dass sich speziell auch der Vatikan zu spät
und zu schwach für einen Gottesbezug stark gemacht hat. Marx:
Oh nein, das kann ich nun wirklich nicht sagen. Natürlich wird das in den
Medien nicht immer wahr genommen. Aber das ist eine Diskussion, die schon
sehr lange, auch Bischof Homeier, als Vorsitzender der europäischen
Bischofskonferenz, hat sich seit vielen, vielen Monaten, seitdem die
Verfassung überhaupt in der Diskussion ist, schon in der Phase davor,
intensiv eingesetzt. Und wir sind eigentlich, das darf ich auch einmal an
dieser Stelle sagen, froh, dass es überhaupt zu dieser Diskussion kommt. Ich
wiederhole mich da, was ich eben gesagt habe. Wir haben am Anfang, vor ein,
zwei Jahren, als die Diskussion losging, nicht gedacht, dass man auch noch so
viel ja in die Diskussion einwerfen könnte, um deutlich zu machen, dass es
nicht hier um irgendetwas geht, was Privilegien der Kirche betrifft, sondern
vielleicht doch um eine grundsätzliche Frage, wo es sich lohnt sie
aufzugreifen. Heuer:
Aber was die Privilegien der Kirche angeht, da haben sich die Kirchen in den
Verhandlungen durchsetzen können, beim Gottesbezug nicht. Marx:
Die Präambel ist das eine. Da kämpfen wir um den Vorspann, woher kommen wir,
wofür leben wir, was ist es eigentlich, was Europa zusammenhält. Wenn man
eine Präambel schreiben will - man muss ja nicht eine Präambel haben in einer
Verfassung, aber wenn man eine schreiben will, dann muss man sagen, ja gut,
dann sagen wir auch das, wovon wir leben. Was ist eigentlich das, was Europa
ausmacht und darüber kann man dann streiten. Wenn es um die einzelnen Artikel
der Verfassung geht, muss man natürlich dann noch konkreter werden und sagen,
ja was sind die Kirchen, was bedeuten die Kirchen für Europa, sind sie
einfach nur private Vereine, sollen sie Ansprechpartner sein, sollen sie in
einem konstruktiven Dialog mitgehört werden. Das ist eine Tradition, die in
Europa eigentlich in vielen, vielen Ländern selbstverständlich ist, deswegen
gehört das dann auch in die Ausformulierung der Verfassung hinein. Heuer:
Die CSU in Deutschland fordert jetzt einen Volksentscheid über den
Gottesbezug, finden Sie das gut? Marx:
Ja, man sollte das überlegen. Wir haben in der Bischofskonferenz zwar gesagt,
wir sind zunächst einmal der Meinung, dass jetzt die entscheiden, die dran
sind, auch ihre Diskussion führen sollen aber wir unterstützen durchaus auch
Initiativen in diese Richtung. Es ist die Frage, ob das sinnvoll ist. Ich bin
da etwas zögerlich muss ich sagen. Denn ich weiß nicht, ob das wirklich dann
auch hilfreich ist. Aber ich kann das verstehen, ich kann gut verstehen, das
man sagt, wir müssen eigentlich hier für diese Ausrichtung der Präambel, die
noch mal deutlich machen soll, was ist Europa, woher kommen wir, wohin wollen
wir gehen, da kann man noch mal kämpfen. Heuer:
Sie haben, Bischof Marx,
mehrfach jetzt erwähnt, dass Sie sich freuen über die breite Diskussion über
den Gottesbezug. Wir erreichen Sie auf dem Katholikentag in Ulm, dort sind
viele tausend Christen, und auch in der öffentlichen Debatte, Stichwort
Kopftuchstreit, oder sogar Mel Gibsons Film "Die Passion Christi",
spielt Religion wieder eine größere Rolle. Gibt es so etwas wie ein
erstarkendes religiöses Bedürfnis der Christen? Marx:
Es wäre schön. Ich bin jetzt auch da etwas vorsichtig, da zu schnell Schlüsse
zu ziehen. Aber ich glaube, dass wir in den letzten Jahren gelernt haben,
auch in der Öffentlichkeit gelernt haben, dass Religion nicht einfach
verschwindet. Das ist etwas, was auch die Soziologen klar zeigen können. Dass
Religion bleibt, viele haben ja gedacht, na ja je moderner wir werden, umso
mehr wird die Religion eigentlich aus dem Bewusstsein der Menschen
verschwinden. Das ist so nicht festzustellen. Es verändert sich vieles, aber
die religiöse Frage, gibt es Gott, woher komme ich, wohin gehe ich, gibt es
überhaupt so etwas wie das Geheimnis des Lebens, das stärker ist als der Tod.
Solche Fragen sind nicht einfach weg. Und die Diskussionen, die gekommen
sind, nach dem Zusammenprall der Kulturen oder nach dem, was man da
diskutiert, sind durchaus auch wieder stärker. Auch Dialog mit anderen
Religionen, was ist eine andere Religion, warum sind wir Christen, was
bedeutet das, Christ zu sein, im Unterschied zum Islam. Das ist etwas stärker
geworden, das meine ich schon. Heuer:
Die Fragen sind nicht weg, das ist sicher richtig, aber es verlassen immer
mehr Kirchenmitglieder die Kirchen. Wie verträgt sich das mit Ihrer Analyse,
Bischof Marx? Marx:
Ja, ich habe ja gesagt, die religiöse Frage bleibt, aber ob sie sich immer
wieder bezieht nur auf das Christentum, das ist eine andere Frage. Nein, die
Religion auch die Sozialgestalt der Kirche wird sich verändern. Viele
Menschen sind auch einfach gleichgültig, das ist richtig. Ich kann jetzt
nicht einfach sagen, wir haben einen religiösen Boom, die Kirchen sind voll,
das wäre ja an der Realität vorbei. Das ist keine Frage. Aber die religiöse
Frage bleibt, das kann man unbestritten sagen. Die Bindung an die Kirche
nimmt ab. Das hat wiederum auch die Gründe, dass Menschen sich verbindlich
auf eine Religionsgemeinschaft, auf eine Gemeinschaft überhaupt, auf eine
Beziehung, auf Verlässlichkeit, Verbindlichkeit immer weniger einlassen. Das
sind verschiedene sich widersprechende Strömungen in der Gesellschaft. Wir
sind ja nicht eine Gesellschaft, die eine Strömung hat, sondern sehr
verschiedene, manchmal sich widersprechende, manchmal sich in einer Person
widersprechende Strömungen. |