L i b e r a l e N o t i z e n
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Sammlung Originaldokumente in http://www.liberale-notizen.de |
Die Freiburger Thesen der FDP – ein
Meilenstein für den Liberalismus
Karl-Heinz Paqué 27. Oktober 2021 „Freiburg! Kein
anderes Wort weckt in der FDP so viel Emotionen.
Kein anderer Begriff hat solchen Symbolwert“, so Otto Graf Lambsdorff,
damals Bundesvorsitzender der Freien Demokratischen Partei, im Jahr 1991,
genau 20 Jahre nach Verabschiedung der
sogenannten Freiburger Thesen. Otto Graf
Lambsdorff hatte Recht. Aber warum? Alle paar Jahre passen demokratische
Parteien ihre Programme den veränderten Themen und Umständen an, so auch die
F.D.P. mit Beschluss vom 27. Oktober 1971. Was war da so Besonderes? Auf
diese Frage gibt es drei unterschiedliche Antworten, die sich gegenseitig
verstärken, nicht ausschließen. Die erste
lautet: Es lag an der politischen Gesamtlage. Seit 1969 befand sich die FDP
wieder im Bund in Regierungsverantwortung, und zwar in einer sozialliberalen
Koalition. Die Leitfiguren dieser Koalition waren Kanzler Willy Brandt (SPD)
und Außenminister Walter Scheel (F.D.P.), beide auch Vorsitzende ihrer
jeweiligen Partei. Das Bündnis funktionierte, trotz (oder auch wegen) einer
äußerst knappen parlamentarischen Mehrheit sehr gut. Das Zusammengehen
mit der SPD war allerdings vor allem für die F.D.P. ein innerparteiliches Erdbeben,
denn die Partei verstand sich traditionell als Vertretung der
Interessen des gewerblichen und freiberuflichen Mittelstands, und als
solche stand sie den Sozialdemokraten sehr distanziert
gegenüber. Es kam zu massenhaften Parteiaustritten, aber auch zu einer Welle
der Neumitgliedschaften von Bürgerinnen und Bürgern, die der F.D.P.
instinktiv die Rolle der treibenden Kraft bei einer Modernisierung
Deutschlands zuschrieben und von dieser Rolle begeistert waren. Eine solche
Rolle rief geradezu nach einer programmatischen Erneuerung. Wer sollte die
anstoßen? Hier liegt die
zweite Antwort: Es gab herausragende Intellektuelle, die mit
maximaler Leidenschaft und Motivation diese Erneuerung in die Hand
nahmen - natürlich im vollen Einvernehmen mit dem Parteivorsitzenden Walter
Scheel, der ein Gespür für das Innovative hatte, sich selbst aber auf die
politische Durchsetzung - und nicht die Entwicklung - neuer Ideen
konzentrierte. Die intellektuellen Leistungen kamen vor allem von den
Professoren Werner Maihofer und Ralf Dahrendorf sowie von dem jungen
Pateifunktionär Dr. Martin Bangemann. Karl-Herrmann
Flach, erfahrener Journalist, lieferte kompakte und konzise
Formulierungen für die breitere Öffentlichkeit. Und Fachspezialisten wie der
Ministerialbeamte Peter Menke-Glückert, ein Kenner
in Umweltfragen, lieferten Sonderbeiträge zu einzelnen Themen. Das Ergebnis
war eine offenbar faszinierende Diskussion, kontrovers und lebhaft,
aber außerordentlich fruchtbar. Was dabei herauskam, konnte sich sehen
lassen. Dies führt zur
dritten Antwort: Das Ergebnis, die „Freiburger Thesen zur Gesellschaftspolitik“,
wurde ein extrem spannendes Dokument, das tatsächlich den Nagel der Zeit auf
den Kopf traf und in der Öffentlichkeit breit diskutiert wurde. Es füllte in
vier Themenbereichen - Eigentumsordnung, Vermögensbildung, Mitbestimmung und
Umweltpolitik - den Liberalismus mit programmatischem Leben, und zwar weit
über den traditionellen reinen Abwehrkampf gegen einen übermächtigen
Eingriffsstaat hinaus, der ja zum „Eisernen Bestand“ der Freien
Demokratischen Partei gehörte. Zur „negativen Freiheit“ als Abwehrrecht
trat die „positive Freiheit“ als Schaffung von Bedingungen, die erst ein
erfülltes selbstverantwortliches Leben ermöglichen. Deswegen wurden die
Freiburger Thesen später auch zu einer Art Leitschrift des
„Sozialliberalismus“, wobei dies möglicherweise ein Missverständnis ist: Es
ging ja inhaltlich eigentlich nicht um politische Richtungen,
sondern um das Ausfüllen des Freiheitsbegriffs
mit zukunftsweisender Substanz - im festen Blick auf die
Herausforderungen der Zeit. Eben dies gilt
für alle vier Themenschwerpunkte, die zum Teil inzwischen auch
historisch unkontrovers geworden sind, so etwa die
Mitbestimmung, die in den Freiburger Thesen viel Raum einnimmt. Am besten
lässt sich deshalb aus heutiger Warte
die überragende Innovationskraft der Thesen ermessen, wenn man auf
die Umweltpolitik blickt. Was sich dort an Forderungen fand, hat an
Aktualität nicht verloren, sondern dramatisch gewonnen - bis hin zur
aktuellen Klimapolitik. Man könnte gar sagen: Die Freiburger Thesen
nahmen den Geist des Berichts des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums, der erst 1972
erschien, um wenige Monate vorweg. Die F.D.P. wurde damit zum
Pionier in einem völlig neuen politischen Gebiet,
und sie hat dies auch praktisch umgesetzt: durch Schaffung einer
Umweltabteilung im Bundesinnenministerium, der Vorläuferin eines
eigenständigen Umweltministeriums, das dann ein Jahrzehnt später folgte. Der „Mythos
Freiburg“ liegt in dieser Innovationskraft begründet. Er wirkt bis heute
nach. Der kalendarische Zufall will es, dass er genau 50 Jahre nach dem
legendären Parteitag eine besondere Bedeutung gewinnt - diesmal auf dem Weg
zu einer sogenannten Ampel-Koalition. Auch diese soll - so das erklärte
Ziel von FDP, Grünen und SPD - die Modernisierung Deutschlands
voranbringen. Die Schwerpunkte sind dabei Bildung, Digitalisierung und
Klimapolitik – bei Wahrung solider öffentlicher Finanzen und ohne
Steuererhöhungen. Kurzum: ein umfassendes Konzept der Nachhaltigkeit – von
der Ökologie über Technologie und Wirtschaft bis hin zum Staatshaushalt. Es
bleibt zu hoffen, dass diese Modernisierung zustande kommen wird, ganz
ähnlich wie der Fortschritt in den siebziger Jahren zu Zeiten der
SPD/FDP-Regierungen von Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher. Deutschland,
Europa und die Welt wartet gespannt. An dieser Stelle
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